Ein Erlebnisbericht und Kommentar von Sven Niedrig

Heute sind die 56. Internationalen Kurzfilmtage in Oberhausen zu Ende gegangen (für mich waren es die Neunten in Folge) und ich finde,
dass es die spannendsten Programme zu sehen gab, die ich dort je gesehen habe.
Dies lag vor allem an der Programmreihe „Thema: Vom Meeresgrund: Das Experiment Film 1898-1918“. In zehn Programmen wurden dort
Filme aus der Anfangszeit des Kinos gezeigt.
„Gehe los und hole die schwarze Perle vom Meeresgrund!“
(Zwischentitel aus „Die Hexe Zoraide“, Frankreich 1907)
Der Schwerpunkt der Programme lag dabei auf Produktionen aus den Jahren 1902-1909, zumeist hergestellt von den beiden französischen
Produktionsfirmen Pathé und Gaumont. Diese lieferten damals zu 80% Produktionen in die Kinos. Die Produktionen waren nicht nur für
den französischen, sondern für den Weltmarkt bestimmt, was auch erklärt, warum Pathé auch Western und Samurai-Filme produzierte.
Beispiele davon gab es natürlich zu sehen.
Ich hatte zuvor noch nie Filme aus dieser Zeit gesehen und ich bin überrascht, wie ausgereift zu dieser Zeit bereits die
Colorationstechniken waren. Durch Anwendung verschiedener Techniken, wurde aus schwarzweißem Material ein Farbfilm.
Insbesondere die Schablonencoloration erweckte schon zu dieser Zeit den Eindruck eines - wenn auch etwas zu blassen - heutigen
Farbbildes.
Hier eine Szene aus einem frühen Dokumentarfilm über die Karottenraupe (Frankreich 1911, Pathé) in wundervollen Farben:
© Gaumont Pathé Archive
Klicken für großes Bild: „La Chenille de la carotte“ (Frankreich, Pathé, 1911)
Diese großartige Programmreihe in Oberhausen wurde durch diese Kuratoren zusammengestellt:
Zum einen: Mariann Lewinsky. Sie studierte zunächst Japanologie und promovierte über japanische Avantgarde. Es folgte ein Zweitstudium
über Filmwissenschaften. Seit 2004 leitet sie in Bologna das Projekt „A Hundred Years Ago“. Sie kuratiert Festivals und Ausstellungen und lehrt
an der Universität Zürich am Institut für populäre Kultur.
Zum anderen: Eric de Kuyper. Er ist Experimentalfilmer und Autor und entwickelte Kunstperformances mit frühen Filmen in Kombination mit
Musik. Er war stellvertretender Direktor des niederländischen Filmmuseums und lehrte Filmwissenschaft an der Universität Nijmegen.
Lebendig wurden die Vorführungen der Stummfilme durch die stets improvisierte musikalische Untermalung durch den Komponisten und
Pianisten Donald Sosin, der es meisterhaft verstand, sich auf die Filmstimmung einzustellen.
Auch das Publikum wurde mit einbezogen: Für Szenen mit Tieren im Bild sollten das Publikum entsprechende Tierlaute mit einbringen - das
machte Spaß und war keineswegs kitschig oder peinlich- auch wenn sich das Publikum meist nicht so recht trauen wollte.
Donald Sosin ist tätig u.a. als Pianist für das New Yorker MoMA, die Film Society des Lincoln Center, die Brooklyn Academy of Music und
das Museum
of the Moving Image.
Mariann Lewinsky sagte in der Anmoderation eines der Programme:
„Was wir hier tun, ist illegal.
Wir schauen Filme, die nicht für unsere Augen bestimmt waren.“
Schön, so etwas Illegales zu tun. „Wir sehen die Welt durch ein geliehenes Paar Augen: Mit denen Augen des Kinopublikums von vor über
einhundert Jahren.“ Und was wir zu sehen bekamen waren Schätze der Filmgeschichte, die vom Meeresgrund gehoben wurden, um uns eine
andere Sichtweise der Welt zu ermöglichen.
In Oberhausen wurden 10 Programme mit frühen Filmen gezeigt, durchdacht programmiert durch Mariann Lewinsky und Eric de Kuyper.
Es waren alle Genres vertreten. Insbesondere die Dokumentarfilme haben mich sehr beeindruckt, denn wie schon erwähnt, hatte ich
bislang noch nie Filme aus der Zeit vor dem Weltkrieg gesehen.
Auch erzählende Filme waren vertreten und sehr unterhaltsam: Es war alles dabei: Western, Eastern, Drama, Tragödie und Komödie.
Hier ein Bild aus dem Film „Verbundene Lippen“ (Frankreich, Pathé, 1906). In dieser Szene muss eine Hausangestellte für die gnädige Frau
auf dem Postamt jede Menge ekelig schmeckende Briefmarken anlecken…
© Filmarchiv Austria
Klicken für großes Bild: „Lèvres collés“ - „Verbundene Lippen“ (Frankreich, Pathé, 1906)
Man muss den Programmverantwortlichen von den Kurzfilmtagen danken, dass sie dem Publikum einen Einblick in das ganz frühe Kino
ermöglicht haben und in den Archiven viele Schätze vom Meeresgrund gehoben wurden!
Das Publikum war dankbar für diese Programmreihe - die meisten Programme wurden im Gloria in der Lichtburg gezeigt und waren oftmals
ausverkauft - selbst an den eher besucherschwachen Tagen Montag und Dienstag waren die Programme sehr gut besucht und nach der
letzten Vorführung am Dienstag wollte das Publikum gar nicht mehr gehen und es gab noch einige musikalischen Zugaben von Donald Sosin.
Schade, dass nach zehn Programmen schon wieder alles vorbei war. Davon würde ich mir in Zukunft für die nächsten Kurzfilmtage noch
mehr wünschen!
Beitrag von Sven Niedrig, RW RadioFIP, 05.05.2010